Archiv für die Kategorie 'Nestwärme'

In den letzten Monaten habe ich viele Geschichten gelesen, die mich betroffen machten. Wieder schildern die Medien einen besonders schlimmen Fall, in dem eine Familie mit zwei behinderten Kindern in Großbritannien zum Opfer ständiger Schikane, Mobbing und täglicher Attacken aus der Nachbarschaft wurde. Über zehn Jahre musste die Mutter, Fiona Pilkington, der beiden Kinder teilweise jede Nacht schlimmste Beschimpfungen, Beleidigungen und ähnlichen Psychoterror über sich ergehen lassen. Die Tragik ist jedoch, dass sie nicht nur über die Polizei Hilfe suchte, sondern sich über Sozialarbeiter bis hin zu ihrem Parlamentsabgeordneten an viele Stellen wendete und niemand half ihr. Fiona Pilkington suchte Hilfe und kämpfte für ihre beiden behinderten Kinder, aber nach 10 Jahren Terror vor der eigenen Haustür gab sie auf und setzte sich und dem Leben ihrer Tochter ein Ende.

Der geschilderte Fall macht betroffen, weil er mir wieder zeigt, wie wichtig die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung und deren Familie in der Gesellschaft ist. Es wäre einfach die Schuld auf Polizei, Behörden oder soziale Stellen zu schieben, aber dort dürfen wir nicht ausschließlich ansetzen. In der Gesellschaft braucht es eine Veränderung der Denkweise und des Miteinanders. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir alle gemeinsam schon viele Menschen angesteckt und Nestwärme geschenkt. Solche Brücken des Miteinanders zu bauen, ist nicht nur für die konkrete Unterstützung wichtig. Es geht auch um Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz. Eine Aufgabe von uns als nestwärme-Gemeinschaft muss daher sein die Menschen zusammen zu bringen, der Isolation von Familien mit behinderten Kindern entgegen zu wirken und damit auch solchen Fällen vorzubeugen.

In der nestwärme-Gemeinschaft haben wir viele Ansätze entwickelt, die von dieser Aufgabe sprechen. Schon in unserer integrativen Kindertagesstätte spielen und lernen behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam. Dort ist dieses Miteinander Normalität und prägt die Kinder in einer frühen Entwicklungsphase. Darüber hinaus bringen wir viele engagierte Menschen über das Projekt „ZeitSchenken“ in die Familien zur Unterstützung bzw. Entlastung der Eltern und für die behinderten Kinder. Unsere Teilhaber bringen damit nicht nur Nestwärme aus der Gesellschaft in die Familien, sondern stecken viele andere Menschen mit Ihren Erfahrungen und Empfindungen aus der praktischen Hilfe an. Darauf bin ich sehr stolz und ich weiß auch, dass wir alle damit einen immer größer werdenden Beitrag leisten, um Diskriminierung und Isolation zu verringern.

Für nestwärme und mich ist es wichtig die Menschen zu mehr Akzeptanz und Toleranz aufzurufen. Es kann nicht sein, dass wir einige Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. Behinderung ist nicht gleichbedeutend mit Ausgrenzung. Es gibt so viele Lebensformen, die um Akzeptanz und Toleranz kämpfen müssen. Darüber bin ich traurig und wütend zugleich, denn genau diese Intoleranz sollte in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr existieren. Deswegen kämpfe ich gemeinsam mit allen Teilhabern von nestwärme für unsere Familien, für Familien wie die Pilkingtons in Großbritannien, für Kinder mit Behinderung und deren Rechte in unserer Gesellschaft.

Viele werden von dem tragischen Selbstmord einer Familie gelesen haben, aber bestimmt wird es auch einige Menschen gar nicht erreicht haben. Die Polizei fand in einer Düsseldorfer Wohnung ein Ehepaar und deren vierjährigen Sohn tot auf. Aus ihrem Abschiedsbrief geht hervor, dass die Eltern mit der schweren Krankheit und Behinderung ihres Kindes nicht zurechtgekommen sind und keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben.

Für uns ist es wichtig den Menschen zu verdeutlichen, dass die Entscheidung für ein behindertes Kind auch eine große Herausforderung und Belastung ist. Daher möchte ich mit diesem Beitrag auch eine Diskussion anstoßen. Als Gründerin von nestwärme e.V. glaube ich an ein eigenverantwortliches und doch durch die Gesellschaft gestütztes Leben mit einem behinderten Kind. Niemand kann den Eltern die Entscheidungen abnehmen, aber wir geben Kraft und nehmen Belastung. Wenn die Verzweiflung so groß wird, wie in Düsseldorf, dann denke ich, dass es noch viel mehr Menschen braucht, die unterstützen, Kraft und damit NESTWÄRME spenden. Diese Familien brauchen die Sicherheit und Geborgenheit unserer Gesellschaft und das Gefühl, sie sind NICHT alleine!

Einen Teil dieser Unterstützung für Familien sehen und finden wir auch in unserer Fachberatung von nestwärme e.V. in Kooperation mit dem Bundesland Rheinland-Pfalz, die auch bundesweit Familien aktiv ist. Sicher ein erster guter Schritt in die richtige Richtung, jedoch nur ein Anfang für viele Menschen. Aber an der Stelle möchte ich nicht nur einfach nach mehr staatlicher Unterstützung schreien oder Vorwürfe machen, denn dafür finden sich oft genug andere. Die Menschen brauchen einfach Nestwärme als Lebensgefühl und wenn eine Gesellschaft dies lebt, dieses Gefühl vermittelt, dann wird die Verzweiflung schwächer. Stellen wir uns einfach nur vor, dass die Familie in Düsseldorf sich von Nachbarn, Freunden, Ämtern und sonstigen Einrichtungen verstanden gefühlt hätte. Vertrauen und Hilfe wären dort sicher entstanden. Ein warmes und wohliges Gefühl ist es, als Teil einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Auch daran müssen wir arbeiten und den Menschen den Wert nestwärme schenken, um eine Gemeinschaft zu schaffen.

Politik und Gesellschaft dürfen nicht wegschauen, wenn es darum geht den Familien von Anfang an, Unterstützung und Beratung zu bieten. Wir fordern daher, dass die Begleitung der Familien, Therapieangebote und finanzielle Unterstützung aufgebessert werden. Wenn es um Kinder geht, die auf ihre Schwäche, ihre Behinderung nie einen Einfluss hatten, dann bleibt die Unterstützung hinter der Realität zurück. Und es geht hier nicht nur um die Stärkung der Kinder, sondern auch die Stärkung und Unterstützung der Eltern. Eltern, die rund um die Uhr für ihr pflegebedürftiges Kind da sind. An ihre Zuneigung kann keine Bedingung geknüpft werden: Sie nehmen das Kind bedingungslos an. Sie geben bedingungslos. Sie lieben bedingungslos.
Deshalb appellieren wir an Gesellschaft und Politik – kein Wegschauen, sondern eine Integration der Schwächeren in unsere Mitte und ein Nichtbehindern von Familien mit behinderten Kindern.