Monatsarchiv für Oktober 2009

In den letzten Monaten habe ich viele Geschichten gelesen, die mich betroffen machten. Wieder schildern die Medien einen besonders schlimmen Fall, in dem eine Familie mit zwei behinderten Kindern in Großbritannien zum Opfer ständiger Schikane, Mobbing und täglicher Attacken aus der Nachbarschaft wurde. Über zehn Jahre musste die Mutter, Fiona Pilkington, der beiden Kinder teilweise jede Nacht schlimmste Beschimpfungen, Beleidigungen und ähnlichen Psychoterror über sich ergehen lassen. Die Tragik ist jedoch, dass sie nicht nur über die Polizei Hilfe suchte, sondern sich über Sozialarbeiter bis hin zu ihrem Parlamentsabgeordneten an viele Stellen wendete und niemand half ihr. Fiona Pilkington suchte Hilfe und kämpfte für ihre beiden behinderten Kinder, aber nach 10 Jahren Terror vor der eigenen Haustür gab sie auf und setzte sich und dem Leben ihrer Tochter ein Ende.

Der geschilderte Fall macht betroffen, weil er mir wieder zeigt, wie wichtig die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung und deren Familie in der Gesellschaft ist. Es wäre einfach die Schuld auf Polizei, Behörden oder soziale Stellen zu schieben, aber dort dürfen wir nicht ausschließlich ansetzen. In der Gesellschaft braucht es eine Veränderung der Denkweise und des Miteinanders. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir alle gemeinsam schon viele Menschen angesteckt und Nestwärme geschenkt. Solche Brücken des Miteinanders zu bauen, ist nicht nur für die konkrete Unterstützung wichtig. Es geht auch um Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz. Eine Aufgabe von uns als nestwärme-Gemeinschaft muss daher sein die Menschen zusammen zu bringen, der Isolation von Familien mit behinderten Kindern entgegen zu wirken und damit auch solchen Fällen vorzubeugen.

In der nestwärme-Gemeinschaft haben wir viele Ansätze entwickelt, die von dieser Aufgabe sprechen. Schon in unserer integrativen Kindertagesstätte spielen und lernen behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam. Dort ist dieses Miteinander Normalität und prägt die Kinder in einer frühen Entwicklungsphase. Darüber hinaus bringen wir viele engagierte Menschen über das Projekt „ZeitSchenken“ in die Familien zur Unterstützung bzw. Entlastung der Eltern und für die behinderten Kinder. Unsere Teilhaber bringen damit nicht nur Nestwärme aus der Gesellschaft in die Familien, sondern stecken viele andere Menschen mit Ihren Erfahrungen und Empfindungen aus der praktischen Hilfe an. Darauf bin ich sehr stolz und ich weiß auch, dass wir alle damit einen immer größer werdenden Beitrag leisten, um Diskriminierung und Isolation zu verringern.

Für nestwärme und mich ist es wichtig die Menschen zu mehr Akzeptanz und Toleranz aufzurufen. Es kann nicht sein, dass wir einige Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. Behinderung ist nicht gleichbedeutend mit Ausgrenzung. Es gibt so viele Lebensformen, die um Akzeptanz und Toleranz kämpfen müssen. Darüber bin ich traurig und wütend zugleich, denn genau diese Intoleranz sollte in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr existieren. Deswegen kämpfe ich gemeinsam mit allen Teilhabern von nestwärme für unsere Familien, für Familien wie die Pilkingtons in Großbritannien, für Kinder mit Behinderung und deren Rechte in unserer Gesellschaft.